2. Chance

Auf ein Neues.

2016, in der Zeit von Juli bis Dezember, zwischen Studium und Job, habe ich entschieden, unbedingt mehr aus meinen Hobbies zu machen und eine Blog-Website eingerichtet, gemeinsam mit meiner Freundin Fibi einen Namen ausgedacht und von Leonie Herzog ein Logo erstellen lassen. Ich wollte die Freude am Erzählen und Schreiben mit der Begeisterung und dem Interesse an Architektur, Kunst und Mode vereinen und Artikel posten. Das sollte für mich eine Chance und ein Ansporn sein, mich noch mehr zu informieren, einzulesen und vor allem weiter zu lernen und mitzunehmen, mich fortzubilden.

Was ist draus geworden… ganz nüchtern und ehrlich? NIX!

Ich habe eine schöne Plattform erstellt und damit begonnen, über meine Erfahrung des Jakobswegs zu schreiben. Danach kamen andere schöne Dinge, über die es sich zu schreiben lohnte: Nähkurse, Reisen nach Chicago und New York, Fahrten durch Deutschland und vieles mehr. Eigentlich waren genau diese Reisen großartige Einstiegsmöglichkeiten, anzufangen und doch: Hab ich es nicht getan.

Ich weiß auch warum… Ich leide unter einer Krankheit: Ich leide unter Interessionitis! Das ist eine krankhafte Form des viel zu großen Interesses an viel zu vielen Dingen. Ich möchte gern so viel machen und schaffen und erarbeiten und lernen und erleben, doch mein Tag hat gar nicht so viele Stunden, meine Woche nicht genügend Tage, mein Jahr nicht genügend Wochen. Wie schon Julia Engelmann in Ihrem berühmten Gedicht gesagt hat: „Ich nehm mir zu viel vor und mach davon zu wenig!“ Bei mir liegts allerdings weniger an der Antriebslosigkeit, sondern viel mehr an viel zu vielen Ideen und Möglichkeiten und meinem eigenen Anspruch, das Angefangene auch gut und vollumfänglich zu machen. So oder so… der Blog ists bisher nicht geworden. Wer weiß.. Eines Tages…

„Eines Tages, Baby, da werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“    – Dann seh ich mal zu, dass mir das nicht passiert!

Bis zum jetzigen Zeitpunkt kam noch etwas dazwischen – ich hab also noch eine gute Ausrede.

Im Januar 2017 war ich nicht mehr Student und auch nicht mehr arbeitlose Lebensgenießerin. Mein Job begann. Ziemlich schnell kamen ziemlich viele Aufgaben auf mich zu. Interesse? Groß. Aufgaben? Groß. Lerneffekt? Ebenfalls groß! Eigener Anspruch: kaum zu schaffen.  Ab da also volle Power in den Job.

Der Blog? …Ach ja… da war irgendwas…

An den war einfach nicht mehr zu denken.

Bis heute – April 2018 – hat sich eigentlich nichts verändert. Ich bin immer noch im selben Job, habe immer noch viel zu tun und habe nebenbei immer noch die Begeisterung fürs Schreiben und für Architektur, Reisen, Mode, Politik und vieles mehr.

Warum schreib ich jetzt?

Weil ich spontan entschieden habe, in etwa einer Woche wieder auf den Jakobsweg zu gehen. Ich kann es kaum erwarten und denke, dass dies weiterhin eine ideale Plattform ist, um darüber zu berichten, meine Gedanken und Erfahrungen niederzuschreiben und gleichzeitig Freunde und andere Interessierte daran teilhaben zu lassen.

Vielleicht dient dies auch als Neuanfang und ich nutze die neue Chance und fange an zu bloggen. Es fehlt mir ja nicht an Material, nur an der Zeit.

Ich freu mich also, wenn ich nun neue Leser hinzugewinne und alte Leser wieder einschalten.

Begleitet mich, folgt mir. Ich freu mich.

Nun gehts in die kurzfristige Vorbereitung!!

Drückt mir die Daumen.

Eure Lotte

Tag 7 – Pläne ändern sich

In der Herberge in Ventosa konnte ich einige Deutsche diesmal kennenlernen. Wir waren gemütlich in der Dorfbar essen und haben gefroren. Es war so unglaublich kalt geworden.

Ich machte nun aber langsam mit mir aus, dass meine Reise vermutlich vorbei ist, jetzt, wo all der Muskelkater weg war und die Füsse gut drauf.

Am nächsten Morgen war es dann soweit. Nach Ruhe geht es anfangs eigentlich gut, aber diesmal tat selbst das Aufstehen weh. Ich glaube, dass ich nichts großartig kaputt machen würde, wenn ich weiter laufe, aber andauernde Schmerzen zu haben, macht auch keine Freude. Ich hab mich also entschieden, alle Pläne umzuwerfen, ein Taxi und Bus zu nehmen und nach Madrid zu fahren. Dort werde ich bis Mittwoch bleiben und dann gehts heim.

Meine Laune war nicht sonderlich gut, aber nun ist es so.


In Madrid angekommen, ohne Rucksack, ging es tatsächlich deutlich besser, doch nach einer Weile und bei Stufen steigen kam ich wieder an meine Grenzen. Es wäre also im bergigen Teil nach San Domingo auch nicht besser gewesen.

Nun ist es so. Ich werde wiederkommen. Es hat mir erstaunlich viel Spass gemacht. Die bestehende Infrastruktur macht es vor allem Anfängern leicht, sich einzuarbeiten. Das Gemeinschaftsgefühl ist toll und ein Ziel vor Augen zu haben, treibt einen jeden Tag voran.

Das nächste Mal werde ich vielleicht doch ein wenig trainieren, mit gepacktem Rucksack mal spazieren gehen. Außerdem werde ich auf dem Jakobsweg selbst versuchen, meinen Ehrgeiz zu Hause zu lassen und nicht zu versuchen, die Schnellste des Tages zu sein. Ganz nach dem Motto: in der Ruhe liegt die Kraft und der Weg ist das Ziel.

Meine frühe Heimreise hat auch Gutes für sich. Ich sehe meine Familie früher wieder. Meine liebe Schwiegermutter hat Geburtstag und ich kann dabei sein, meine kleine Cousine kommt nach Hamburg und ich werde sie sehen, mein Nähkurs beginnt in dieser Woche und ich kann die erste Stunde gleich mitmachen und ich werd mal fragen, ob ich doch wieder zum großen Galaabend bei Wahlers Auktion zusagen darf.

Ich danke Euch fürs Daumen drücken und verfolgen meiner Geschichten. Behaltet ruhig den Link. Ich werde versuchen, den Blog noch mehr zu gestalten und weitere Geschichten aus meinem Leben zu schreiben.

Jetzt wo ich in Madrid bin, kann ich gleich beginnen, einige kleine Berichte über die Architektur zu schreiben. Bleibt also dran.

Buen Camino Euch allen. 

Tag 6 – es wird schwierig

Diese Reise ist voll von Aufgaben, Überwindungen, Neudefinierungen und Lernprozessen. 

Ich habe mein Hotelzimmer so genossen! Ein Zimmer für mich allein, ein Bad nur für mich, durchgehend warmes Wasser in der Dusche. Ich konnte alles um mich herum hören, hatte das Gefühl, ich säße mit im Bad meines Nachbarn über mir, als er aufm Klöchen war. Doch das alles war völlig egal.  Da setze selbst ich ganz neue Maßstäbe an Luxus. 

Abends hatt ich dann gleich noch eine Überwindung. Ich hatte so sehr das Bettchen, die Ruhe und mein spannendes Buch genossen, dass ich nur noch duschen und ins Bett wollte. Ich musste mir selbst in den Hintern treten und rausgehen. Ich bin ja gern auch faul und Couchpotato, aber vielleicht muss ich mich ab und zu mal raus und los. Allein ists nur deutlich schwieriger als zu zweit. 

Ich war also draussen, in meinen schicken Sportsachen. An der nächsten Straßenecke gab es eine Art Konzert, in den Kneipenstrassen war es so unglaublich voll, dass ich mich kaum bewegen konnte. Leider fingen dann auch wieder die Schmerzen in der Leiste an und ich bin dann doch nach einer kleinen Tour zurück in die Heia.

Heut morgen wollt ich ursprünglich früher los, um das ein oder ander bekannte Gesicht wiederzusehen. Es wurde dann aber doch 9 Uhr, für Pilger ziemlich spät. Egal. 

Bis zum Stadtrand von Logrono lief ich allein und traf dort einen 68 Jahre alten Franzosen namens Jean aus der Normandie. Er ist Richter, sprach doch glatt auch ein wenig englich und war sehr nett. Wir waren die nächsten zwei Stunden gemeinsam unterwegs. Jean läuft seit 20 Jahren den Camino, jeden Tag zwischen 40 und 50 km. Unglaublich. 

Leider tauchten auch ziemlich schnell meine Leistenschmerzen wieder auf. Jeder Schritt war eine Anstrengung und es wurde trotz Medikamente nicht besser. Meine Stimmung wurde zunehmend wie das Wetter: kalt und grau und regnerisch. 


In Ventosa angekommen, habe ich direkt ein Bett in einer Herberge gefunden. Hier werde ich nun übernachten und dann sieht es ganz so aus, dass ich mein Experiment Jakobsweg abbrechen muss. Die Schmerzen bei jedem Schritt sind kaum auszuhalten. Ich quäle mich ja gern über einige Schweinehunde hinweg, aber diese Sehnenentzündung zwingt mich wohl zu einer Zwangspause. 

Ich werde morgen früh schauen, wie es mir geht, habe aber aufgrund des schnell schlechter werdenden Verlaufs keine grosse Hoffnung. 

Tag 5 – kleines Päuschen

Heut Nacht hatte ich Karten für die erste Reihe des krassesten Schnarchkonzerts meines Lebens – und ich weiß, wovon ich rede! Wir waren 7 Frauen und ein Mann und vier der Frauen haben alles gegeben, um unsere Betten zum Vibrieren zu bringen. Ich war nur froh über meine Ohrstöpsel, die dieses Fest etwas reduziert haben. 

Heut morgen haben diese wundervollen rothaarigen Spanierinnen fröhlich weitergequatscht, mit ihren tiefen rauchigen Stimmen. In normaler Lautstärke selbstverständlich… Um 6:15. Ohne Rücksicht. Drei wollten zwar noch schlafen – egal. 

Naja. Es sollte für kurze Zeit meine letzte Nacht in einem Großraumzimmer sein. Ich blicke nämlich einem schönen Tag in Logrono entgegen, wo ich doch glatt ein Einzelzimmer mit eigenem Bad habe. Bis dahin sind es zwar noch 11 km, aber das ist ja eher ein leichter Gang. 

Die Muskelkater-Schmerzen sind so weit eigentlich weg. Blasen gibts auch keine. Allerdings macht mir mein linker Oberschenkelansatz zunehmend zu schaffen. Eigentlich ist morgens alles gut und zum Abend kann ich das Bein nicht mehr schmerzfrei nach vorne bewegen, aber mittlerweile habe ich das auch schon morgens. Sobald ich anfange, Ausweichbewegungen zu machen und zu humpeln, werden durch die Fehlbelastungen noch ganz andere Problemstellen auftauchen. Ich hoffe, dass mir das nicht die Reise verdirbt. 

Meine 11 km war ich heut fast völlig allein. Ich finde das anfangs immer ganz schön. Kein Stress, andere einholen und überholen zu müssen, ein eigenes Tempo finden… In einer Art Gruppe zu laufen, wo man aufschliessen und quatschen kann, um anschliessend wieder allein weiterzugehen, gefällt mir aber besser. Da ist das Gemeinschaftsgefühl so viel schöner und es macht unheimlich viel Freude, andere Lebensgeschichten zu erfahren, gemeinsame Pausen zu machen und miteiander die Snacks zu teilen.  Damit ich das aber erleben kann, muss ich wohl oder übel früher aufstehen und loslaufen. 


Der Weg selbst war nicht so besonders, da der Weg durch den industriellen Ortsrand von Viana in den industriellen Ortsrand von Logrono überging. Das Wetter hat mir heut aber besonders gut gefallen. Es war etwas irisch. Der Regen war in der Ferne zu sehen, es war frisch, leichte Brise – herrliches Wanderwetter. 

Toll ist, dass man sich eigentlich nicht verlaufen kann. Überall sind Schilder oder Pfeile, die einem den Weg erleichtern. Alle GPS Geräte und Karten sind wirklich nicht nötig. 


Die Altstadt von Logrono ist ausgesprochen schön. Hier befinde ich mich nun auch in der Provinz RIOJA, das vermutlich wichtigste Weingebiet Spaniens. Ich kann auch sagen, die roten Weintrauben überall schmecken super.

Ein besonderes Highlight des Tages war der jonglierende Jogger. Was das soll?? Keine Ahnung.

Leider war er noch zu weit weg, um seine Künste gut vor die Kamera zu bekommen. Vielleicht könnt ihr Auf dem Bild trotzdem die orangenen Kegeln sehen. 

Hier habe ich auch die Heldin des Jakobsweg gesehen. Sie trägt sogar ihr Gepäck, trotz ihres fehlenden Beins. Dann schaff ich das ja wohl auch. 


In der Stadt gibt es eine Art Kneipenstrasse, die Calle Laurel. Dort ist mächtig was los. Ich habe riesige Lust, mich heut Abend ins Getummel zu schmeissen, doch dann kommt da immer dieser Haken. Ich habe seit 3 Tagen die selbe lange Sporthose an und das ist bei den Temperaturen auch das Einzige, dass ich tragen kann. Ich wünschte, ich könnte mir mal wieder eine ordentliche Jeans anziehen und eine schöne Bluse und schicke Schuhe. Ich muss eben lernen, auf Äußerlichkeiten nicht so viel Wert zu legen; mit der Befürchtung, dass meine Familie laut aufschreit, dass das doch kaum noch weniger geht. 

Ganz vergessen: 

Kleine Beobachtung aus einem Restaurant vor zwei Tagen: man beachte bitte die deutsche Beschreibung des Spargelgerichts. 

Liebe Grüsse,

Eure Lotte

Tag 4 – Up and Down

Ich verstehe einfach nicht, warum alle so früh unterwegs sein wollen. Meine Zimmergenossen aus Würzburg sind heute morgen um 5:45 aus dem Zimmer. Ich war dann natürlich auch wach. Wenn die beiden gegen 6:30 unterwegs waren, war noch alles dunkel… Naja… Kann man machen.

Ich mache es jedenfalls nicht. Ich bin gemütlich aufgestanden, habe seit Tagen das erste Mal ausgiebig gefrühstückt und bin gegen 8:30, mal wieder als Letzte losgestiefelt. Für die heute geplanten 19 km und ein paar kleinen Pausen sollte es lässig reichen, um gegen Mittag in Viana anzukommen. Als kleines Abschiedsgeschenk konnte ich eine Bettwanze auf meinem Kissen entdecken und umbringen. Ich darf mich also auf Stiche gefasst machen. 

Mein spätes Aufstehen hat einen kleinen Nachteil – meine nette Gruppe aus Australien und dem alten John sind schon weg und nur schwer einzuholen. 

Als wolle mich der Heilige Jakob ärgern, geht es immer zur Begrüssung am Morgen einen Hügel hoch. Danach kann ich mir die zwei Pullover auch direkt ausziehen. Leider ist es hier nachts so frisch, dass ich morgens noch friere, wenn ich loslaufe. Das ändert sich aber entsprechend schnell. 


Danach lief ich mich ganz gut ein, die Schmerzen sind gut erträglich. Die Natur ist wirklich besonders schön und das klare Wetter ermöglicht einen kilometerweiten Blick. 


Zum Ende der Strecke wurde es dann doch ganz schön anstrengend. Selbst das Bergab Laufen bei über 10% Gefälle ist anstrengend. Ich fluche bei jedem Abwärts aber eher, weil ich alles auch wieder hochlaufen muss. Es wäre ja auch zu leicht, wenn der Weg einfach auf der erarbeiteten Höhe bliebe. Es geht lieber einmal ordentlich runter und dann wieder hoch. 

Ich war dann gut platt, als ich an der ersten Herberge in Viana ankam: Ein schickes 8er-Zimmer und ein gegenüberliegendes Gemeinschaftsbad mit Duschen. Der Mix aus Stinki-Klo und Chlorgeruch ist ganz besonders romantisch. Hier habe ich mir spätestens geschworen, morgen in Lorogno ein Einzelzimmer zu finden, mit eigenem Bad. Ich brauche von diesen Massen im Zimmer und Bad mal eine Pause.

Grundsätzlich kann ich sagen, dass dieser ganze Trip eine effektive Art des sogenannten Downsizing ist. Ansprüche auf schicke, saubere Kleidung verschwinden sofort, wenn man alles auf dem Rücken tragen muss. Zeit und Platz für Schminke ist auch nicht. Jede Art von Eitelkeit wird hier abgelegt und alles für den Effekt getan. Wenn sich also die Füsse in Socken in Wandersandalen am besten anfühlen – dann ist das die beste Wahl. 

Ich muss allerdings noch weiter Gelassenheit lernen. Ich habe manchmal keine Lust mich einfach in die Sonne auf ein Stoppelfeld zu legen und zu chillen, weil mich alle wieder einholen, die ich mühsam überholt habe. Ich kann auch den Ehrgeiz noch nicht restlos abstellen, alle einzuholen, die in direkter Entfernung sind. Das Wettrennen um Betten ist leider doch vorhanden, auch Mitte September noch. Das motiviert ebenfalls. 

Viele reservieren vor, um sicher ein Bett zu finden, doch das nimmt mir das letzte bisschen Spontanität, dass ich auf dieser Reise habe. Es würde mich aber gelassener durch den Tag laufen lassen. Denn… Was soll ich um kurz nach 13 Uhr in einer kleinen spanischen Stadt mit 2000 Einwohnern und meinem Hostel? Hätte ich doch mehr die Natur genossen. 

Nun habe ich ausgiebig zu Mittag gegessen und fühle mich jetzt wohl, bin aber gut müde. Heut abend werde ich noch kurz in die Altstadt laufen und dann ruckzuck in die Heia. 

Morgen stehen nur 10 km und dann einen halben Tag Pause in Logrono und in einem Einzelzimmer. 

Liebe Grüsse,

eure Lotte

Tag 3 – es war schön

Ich musste wieder am eigenen Leib erfahren, was ein gutes Abendessen und ausreichend Schlaf ausmachen. Heut morgen, als ich gegen 8 Uhr die Herberge als LETZTE verließ, war ich fit, motiviert und fröhlich. Die halbe Stunde extra Lauf in die Stadt und zurück, um einen Geldautomaten zu finden, haben dies nicht gemindert. 

Einen kurzen frustrierenden Moment gab es, als ich bei Google meinen Weg durch die Stadt Estella gecheckt habe: 20 min mit dem Auto nach Los Arcos, meinem heutigen Ziel. Und ich brauche dafür bis ca 15 Uhr?! Na toll. 

Natürlich musste es nach 10 min direkt erstmal einen Berg hinaufgehen, aber damit habe ich mich bereits abgefunden. Ebenso wie mit den Schmerzen. Es tat heut alles nicht soo sehr weh, aber die Schmerzen waren doch konstant vorhanden. Der rechte Ballen, die linke Hüfte, die Schultern… Naja… Irgendwie alles. Egal, es war nicht so schlimm.

Das grossartige Wetter und die unglaubliche Natur haben heut so viel zu dem tollen Tag beigetragen. 

Ich kam nach ca 2 km an der berühmten Weinquelle vorbei. Da kommt der Wein aus dem Wasserhahn. Nicht zuuu spannend für mich, aber alle anderen geniessen es. 

Ich war ziemlich flott unterwegs, die ersten 8 km nach etwa 2 Stunden geschafft. Es ist eben doch auch praktisch, lange Beine zu haben. Eine kleine Frau aus Seattle hatte eine unglaublich hohe Frequenz. Während ich einen Schritt machte, machte sie zwei und dennoch kam ich weiter. 

Irgendwann traf ich John wieder. Ein Australier, ca 70 Jahre alt mit einer Katze namens Alfred, die zuhause auf ihn wartet. Gestern war er in der selben Herberge und hat mir Bilder von seinen Reisen und Alfred gezeigt, kein Einziges von seiner Frau. Er ist heut morgen um 7:30 Uhr losgelaufen, 90 min vor mir. Auf etwa der Hälfte hatte ich ihn eingeholt. 

Ich kann grundsätzlich sagen, dass es überhaupt kein Problem ist, allein zu laufen, weder als Frau noch als Mann. Viele laufen hier allein. Man kann sich Gruppen oder Menschen anschliessen, einen Schnack halten und anschliessend weiterlaufen. Es ist so unglaublich schön, auch mal allein zu laufen. Ich habe es heut sehr genossen. 

Ich muss leider sagen, dass ich mir so Multifunktions-Super-Shirts hätte kaufen sollen. Baumwolle ist gerade bei Übergangswetter nicht ideal. Ich schwitze  bergauf und friere dann wenn Wind kommt. 

Nun sitze ich mit Eric, einem Amerikaner aus Atlanta und vier Australiern zusammen, die ihr Franziskaner Weissbier geniessen. 

Buenas tardes.

Ps: Bilder kommen heut oder morgen, sofern das Internet es hergibt. 

Tag 2 – eine reine Qual

Die Nacht war wirklich durchwachsen. 30 Leute mit stinkenden Schuhen in einem Kellerraum ohne Fenster – das löste selbst bei mir ein Gefühl von Erstickung aus. Die Müdigkeit und die tollen Ohrstöpsel siegten aber schnell, sodass ich zumindest bis 6 Uhr einigermaßen schlafen konnte. 

Der nächste Morgen ging, wie zu erwarten, mit einigen Kopfschmerzen los. Die muffige Luft hat mich dazu getrieben, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. 

Um etwa 8 Uhr nach einem trockenen Brötchen vom Vortag als Stärkung ging es dann los. Keine 5 Minuten gelaufen und direkt noch ein leckeres Schokocroissant für mich entdeckt. 


Doch auch die Schokolade hat nicht über die Schmerzen hinweghelfen können. Anderen tun Knie und Füsse weh, mir die Hüfte. Das Gewicht des Rucksacks den ganzen Tag auf dem Rücken zu spüren, ist eine richtige Tortur. Als würde das nicht genügen, ging es um eine Ecke und dann durchgehend steil bergauf. Da konnte ich  mich nach vorn legen und hoffen, dass das Gewicht mich hochbringt und ich einen Schritt vor den anderen mache… Keine Chance. Ich musste den Antrieb finden. Selbst die Fahrradfahrer aus Brasilien haben alle geschoben. Bei dem Hang wurde mir trotz vielem Trinkens auch das erste Mal schwindelig. 


Danach lief es besser, aber die Schmerzen liessen nicht nach. Das ist bei über 22 km Tagespensum frustrierend und demotivierend. So ging es mir auch. Ich machte viele Pausen, doch jede Pause machte das Losgehen nur noch schwieriger. 


Irgendwann traf ich zwei Amerikaner. Das Reden über Fussball, Football, Baseball und Basketball und vor allem die anstehende Präsidentschaftswahl halfen, die Schmerzen zu ignorieren und weiterzulaufen. 

Nun bin ich in Estella in einer Herberge in einem Vierer-Zimmer. Mal sehen, wie das klappt heute Nacht. 

Besonders inspirierend ist der tolle Umgang unter den Pilgern. Alle wollen sofort miteinander teilen, jeder sagt Hallo und Buen Camino und man kommt sofort ins Gespräch. Gestern war ein Koreaner und ein Italiener gemeinsam unterwegs. Sie hatten keine gemeinsame Sprache und haben doch miteinander Spass gehabt und gesungen. Heute wurde ich von einem aufgedrehten Malloquiner zum gemeinsamen Kochen eingeladen. Alle reden miteinander, essen miteinander und teilen ihre Geschichten. Das ist die größte Freude an dieser Reise: das Miteinander, das gemeinsame Leiden und Freuen über jede geschaffte Etappe. 

Das Wetter ist umgeschlagen. Es gab am Nachmittag schon einige Gewitter und morgen soll es regnen. Die Temperaturen sind ebenfalls deutlich gesunken. 

Morgen soll es wieder 20 km weiter nach Los Arcos gehen. Dort habe ich mir sicherheitshalber schon ein Bett reserviert. 

Kleine Beobachtungen des Tages:

Den Jakobsweg laufen wirklich Leute allen Alters. Ein Junge kommt gerade aus der Highschool, ist also 18, drei alte Männer aus Belfast sind etwa 70, ein Spanier, der mit mir heute mein noch gebrochenes Spanisch sprach, ist auch Mitte 60. Wer sich fit fühlt, kann laufen. Für die nicht so „Fitten“ gibt es einen Gepäckservice, sodass der Tag nicht so anstrengend ist. 

Es gibt ein Pärchen, dass ich immer mal wieder treffe und jedes Mal sind sie Händchen haltend unterwegs. Bergauf. Bergab. Sie lassen nicht los. Kann man machen…

Der wilde Malloquiner läuft mit 4€ teuren Crocs den Camino! Unglaublich! Mein Rücken würde mich umbringen. 

Ich werde jetzt noch ein paar Dehnungen machen. 

Bis morgen. 

Die ersten 24 Stunden

Nach vier Stunden Zugfahrt kam ich endlich in Pamplona an. 

Zugfahren in Spanien ist so ähnlich wie Fliegen. Es gibt einen Film, jeder im Zug hat seinen Platz, mehr Mitfahrer gibt es nicht. Angenehmes Reisen.

In Pamplona konnte ich schnell meine Herberge finden und damit die vermutlich netteste Rezeptionistin der Welt. Maria hat mich mit ihrer Begeisterung für Pamplona und El Camino sofort angesteckt und mir Tipps für die Reise mitgegeben. 

Nach einem kurzen Stop im Zimmer bin ich los in die Stadt. Maria hatte recht: Vor allem die Altstadt von Pamplona ist wirklich sehenswert. Die Tradition rund um die Stiere ist allgegenwärtig. Viele Gebäude im spanischen Baustil, viele kleine Restaurants, schmale Gassen. Wirklich schön. 


Etwas essen und dann ab ins Bett. 

Mich hat dann noch eine Weile das Thema Stierrennen und Stierkampf beschäftigt. Gerade in Pamplona werden die Stierkämpfe mit tödlichem Ende für Stiere und verletzte oder sogar tote Toreros noch als Tradition erhalten. Ich wünschte, dies hätte bald ein Ende. Nicht jede Tradition ist erstrebenswert. Tiere werden gequält, gehetzt, in Todesangst versetzt. Menschen werden verletzt oder getötet. An all dem kann ich nichts Gutes erkennen. 

MONTAG 

Um 8:15 ging es los. Meine ersten Schritte auf dem Camino. Es war herrlich. Das Wetter war mild, die Motivation groß. 

Nach etwa 45 min hatte ich die ersten 4 km hinter mir und es lief gut. Doch dann kam ich um die Ecke und sah ihn – meinen Feind des Tages. Ein Berg. Die Passhöhe nennt sich Puerto del Perdon, 734m hoch. 

Da wollen wir doch nicht hoch… Der Jakobsweg führt sicher nicht da hoch… Nicht da hoch… Schitte-Fucki… Wirklich da hoch??

JA!! WIRKLICH DA HOCH. 


Es war eine Quälerei, aber alle Mühen wert. Der Blick und der schöne Wind und dieses bomben Gefühl, oben angekommen zu sein und ins Tal schauen zu können, haben all die Anstrengungen entschuldigt. Das Hochgefühl war wirklich toll. Voller Energie und Euphorie ging es dann aber auch ruckzuck wieder bergab. 


Die anderen Pilger sind super nett. Ich habe schon Alexandra, Cindy, Sam und Michele kennengelernt. Alle haben eine Geschichte zu erzählen. Wir alle haben etwas gemeinsam. 

Nationen, Religionen, politische Einstellungen, Sprachen… Alles egal. Alle haben ja ein Ziel. 

Ich bin nun in Punta del la Reina angekommen. Ich hätte aber auch gut schon zwei Kilometer vorher aufhören können. Das Ende schmerzte ordentlich. 

Die Unterkunft bietet für 12€ ein Bett in einem Gemeinschaftsraum mit 29 anderen Pilgern. Die Dusche waren ein Genuss, der anschliessende Weg zum Supermarkt aber doch ordentlich schmerzhaft. Die Bereiche Hüfte und Schultern, die durch den Rucksack belastet sind, tun am meisten weh. 

Jetzt hoffe ich auf einigermaßen Ruhe und dann wird es sicher morgen zeitig losgehen. 

Mit besten Grüssen vom Camino.

Los gehts – Anreise

In den letzten Wochen habe ich viele Foren, Bücher und den Reiseführer zur Vorbereitung durchgearbeitet. Ich weiß, worauf ich mich einlasse…Naja… So ungefähr zumindest. 

Der Rucksack ist nun gepackt, der kleine Koffer für den abschliessenden Städtetrip auch. 

Um 6:30 heut morgen ging mein Abenteuer los. Mit Stop über München war ich auf dem Weg nach Madrid. Im Flieger fiel mir auf, was ich alles NICHT gemacht oder bedacht habe. 

Ich habe NICHT ein Jahr vorher begonnen zu planen. Ich habe NICHT einmal meinen vollen Rucksack gewogen. Ich war NICHT beim Arzt oder Zahnarzt. Ich habe NICHT mit meinen neuen Schuhen und dem gepackten Rucksack trainiert. Ich habe mir KEINE Treckinghose mit Reißverschluss gekauft. 

Ständig werde ich gefragt, warum ich das eigentlich mache? Warum laufe ich auf dem Jakobsweg?? 

Tja… Ich weiß es nicht. Vielleicht gilt es, genau das herauszufinden. Ich wollt mir vorher keine Aufgabe geben. Mit dem Druck nach Spanien zu fliegen, um von meiner Schoki-Sucht wegzukommen oder den Sinn meines Lebens zu ergründen, halte ich für belastend. Davon abgesegen ist das mit der Schoki-Sucht eh ein unlösbares Projekt und den Sinn meines Lebens erarbeite ich nur mit meinem Mann, denn unser Leben soll ja GEMEINSAM einen Sinn haben.

Ich möchte herausfinden, was daran so begehrenswert ist, mit ca 10kg Gepäck auf dem Rücken, etwa 25 km täglich zu wandern, um dann gen Abend in Schlafsälen mit ca 30 Fremden zu übernachten, wovon sicher mindestens Einer oder Eine schnarcht. Warum ist diese Reise ein solcher Hype geworden?

Für Viele ist es eine Herausforderung, allein diesen Weg zu bestreiten. Mit dem Alleinsein hab ich eigentlich kein Problem. Etwas allein zu erarbeiten und zu erleben war schon immer ein Charakterzug von mir. 

Andere nehmen den Weg als Anlass, besondere Belastungen und Zeitabschnitte hinter sich zu lassen oder gar von irgendeiner Sucht wegzukommen. 

Ich denke, dass für mich die Herausforderung darin besteht, das Handy auszuschalten und nicht minütlich auf neue Whatsapp Nachrichten zu warten. Ich werde lernen müssen, die Stille zu genießen. Darüber hinaus muss ich sehen, wie mein Rücken mit dem Laufen und dem Gepäck klar kommt. Meine größte Hürde wird aber das Duschen und Schlafen werden. Großraumduschen habe ich schon immer versucht zu meiden und immer das Einzelzimmer bevorzugt. 

Ich werde es jedenfalls ausprobieren und hier meine Gefühle und Erfahrungen mit Euch teilen. 
Der Tipp des Tages: 

Kontrolliert immer wieder beim Buchen Eurer Tickets die Angaben. Ich musste 15 min vor Abfahrt meines Zuges feststellen, dass mein Ticket erst in zwei Wochen gültig ist. Reklamieren: nicht hier im Bahnhof – in Berlin. Also… Musste ich ein neues Ticket kaufen. 

Ein Traum geht in Erfüllung

Schon seit Jahren träume ich davon, endlich einen eigenen Blog zu gestalten und über Dinge zu schreiben, die mich interessieren. Die Überwindung, für diese Leidenschaft Zeit aufzuwenden und tatsächlich den Schritt zu machen und einfach zu beginnen, war schwieriger als anfangs erwartet. Aber nun kann es losgehen.

Doch warum eigentlich? Warum möchte ich einen Blog gestalten und schreiben?

Ich habe unglaublich viele Leidenschaften und Interessen und würde diese gern teilen. Darüber hinaus erhoffe ich mir, dass ich mich durch den Blog noch intensiver mit meinen Leidenschaften auseinandersetzen und beschäftigen kann. Ich möchte die Chance nutzen und mich intensiv mit einzelnen Architekturprojekten auseinandersetzen. Ich möchte mehr aus meinem Leben, meinen Erfahrungen und Abenteuern schöpfen als das reine Erleben.

Welche Themen sollen es werden?

Mein Hauptaugenmerk soll auf der Architektur liegen. Dies ist mein Beruf und mein Hobby. Es macht unglaublich viel Freude, Architektur zu beobachten, analysieren und daraus Erkenntnisse zu ziehen. Dies möchte ich in Form von Text und Bildern teilen. Außerdem möchte ich fachspezifische Bücher lesen und vorstellen. Erfahrungen aus meinem Studium sollen genauso in meine Berichte einfließen, wie neue Erkenntnisse oder Erfahrungen und Berichte anderer.

Lifestyle Themen wie Reisen, Mode und Essen sollen einen Platz auf dieser Plattform bekommen.

Ich mache dies vor allem für mich, würde mich aber sehr freuen, wenn ich andere Menschen mit meinen Berichten erreichen und inspirieren kann.

Willkommen auf meinem ersten eigenen Blog.

Eure Charlotte