Ist Zugfahren nicht ein Fest? Macht das nicht Spaß?!
Den Sarkasmus dürft Ihr mir bitte nicht übel nehmen. Ich sitze jeden Tag 1 Stunde und 20 Minuten PRO Fahrt im Zug.
Ich weiss, ich hab mir das selbst ausgesucht. Ich wohne seit Januar in München, die beiden Projekte befinden sich aber in Ulm.
Also… wird täglich gependelt. Ich versuche gar nicht, mich zu stressen, mich daran zu nerven oder Auswege zu suchen. Ich fahre gern nach Ulm, habe dort ein cooles Projektteam um mich herum, spannende Aufgaben und vieles anderes Tolles, für das sich dieser Weg lohnt.
München ist eine äußerst schöne lebenswerte Stadt, viel cooler als ich erwartet habe. Wir haben eine schöne Wohnung, können abends noch schnell in eine der Kneipen vor der Tür. Dafür lohnt sich also auch der Trip zurück.

Lebenszeit im Zug… klar gibts cooleres, aber das ist nunmal Part of the Deal. Da hilft dann auch das deutsche Nörgeln nichts.
Etwas ändern: Auf keinen Fall.
Es gilt also, die Zeit gut zu nutzen.
Ich lese, ob Zeitung oder Magazine. „brand eins“ ist gerade mein neues, viel zu teures Lieblingsmagazin. Ich schlafe, starre aus dem Fenster, ich arbeite schon oder noch, ich höre Musik, meditiere, beobachte die Mitfahrer, ich schreibe im Tagebuch oder im BLOG.
Ich telefoniere auch mal – in dem Fall aber statt „ununterbrochen“ mit ständigen Unterbrechungen.

Ich hatte auch ein, zwei nette oder skurile Bekanntschaften machen dürfen.
Eine besonders schöne Geschichte erlebte ich letzte Woche und möchte diese nun mit Euch teilen.
Ich sitze also morgens pünktlich in meinem Zug, auf dem Weg zu einem Termin, mal nicht in Ulm.
Einer muss ja auf den letzten Drücker noch in den Zug springen. Nennen wir ihn Albert. Albert Brennaman.

(Hitch, der Date Doktor)
Ein Mann mittleren Alters, wenige kurze braune Haare, Brille. Er ist ein wenig pummelig und wirkt gedrungen durch seine fallenden Schultern und die spannungslose Haltung. Er trägt Jeans und ein weißes Hemd, dass er teils in die Hose und teils in die dunkelblauen Pants gestopft hat. Von HOT Pants kann ich in dem Zusammenhang mit Albert einfach nicht sprechen.
Also. Albert stürzt mit seinem blau-weiß karierten Rucksack in den Zug. Die Erschöpfung und Erleichterung sind ihm im Gesicht abzulesen. Er läuft an mir vorbei durch den Gang und versprüht einen intensiven Geruch von Panikschweiß. Nett. Morgens um 7 Uhr. Wie um alles in der Welt kann man da schon stinken? Was ist mit der täglichen Morgendusche? Oder Morgenwanne?? Anscheinend nix.
Macht ja nix, denk ich mir. Er ist ja bereits im nächsten Wagen verschwunden. Stell Dich nicht so an Lotte. Kann ja jedem mal passieren. Fast jedem. Also im Notfall. Vielleicht. Naja. Egal.
Ich sitze also allein auf der einen Seite des Gangs, auf der anderen Seite des Gangs ist noch eine ganze Gruppe an Plätzen um einen Tisch herum frei. Ich hab also rundum meine Ruhe. Ich klappe meinen kleinen Tisch aus, hole Birchermüsli und Obst aus der Tasche und freue mich auf ein Frühstück. Ganz in Ruhe.
„Denkste Puppe!“
Ich möchte also genüsslich mein Frühstück löffeln, da kommt Albert zurück.
Gabs vorne für ihn keinen Platz? Immerhin sitze ich im letzten Wagen des Zuges. So viele Wagen sind noch vor mir. Da muss doch für Albert ein Platz sein, ein Isolierter wenn möglich. Auf dem Klo vielleicht? Er kann meinetwegen auch ein Abteil für sich allein haben.
Aber doch nicht… NEIN… nicht…
Na klar.
Der stinkende Albert Brennaman setzt sich an den Tisch, direkt neben mir. Uns trennt nur der Gang. Ich schau ihn an. Angewidert. Der Schweiß läuft über sein Gesicht. Die wenigen Haare sind auch schon feucht.
Muss wohl so sein. Das ist die Strafe für irgendwas. Karma. Das muss Karma sein. Ich weiss nicht wofür, aber das Universum wird’s wissen.
Nun sitzt also Albert neben mir und ich muss mir wirklich Mühe geben, ruhig zu bleiben, den stechenden Geruch nicht wahrzunehmen und mich über das Stückchen Ananas zu freuen. Irgendwann klappt das tatsächlich und ich ignoriere einfach mein Gegenüber. Ich bin gut drauf, fit und freu mich auf den Termin.
Auf einmal höre ich links von mir ein wildes Geräusch an kohlensäurehaltiger Flüssigkeit, die aus der Flasche spritzt. Albert. Natürlich. Ich denke mir kurz, dass er am besten gleich die ganze Flasche über sich ergießen sollte, um zumindest hier etwas zu duschen.
Doch was sehen meine müden Augen?? Wasser?? Wie spießig, artig, leise und unauffällig.
Nein. Albert hat ja keine gute Beziehung zu Wasser. Es war Cola. Damit hat er sich und seine Umgebung nun eingesaut. Billige Discount Cola. Zum Abwischen ein Taschentuch? Nicht dabei. Die BILD Zeitung, die er gerade lesen wollte, muss nun zum Aufsaugen reichen. Mehr kann man von dem Blatt auch nicht erwarten, erst recht nicht mit unseren politischen Landesvertretern der großen Länder USA, Russland und Co.. auf dem Titelblatt.
Albert klebte und stank nun für den Rest des Tages und ich werde ihn sicher nicht vergessen. Mitleid an seine Kollegen und Mitmenschen und seinen blau-weiß karierten Rucksack.
Wer nun noch Tipps und Tricks beim Bahnfahren braucht. Ihr wisst jetzt ja, wen Ihr ansprechen könnt.
Bis dahin freu ich mich weiterhin über viele Leser und bin selbst gespannt, was mir als Nächstes passiert.
Eure Lotte
Ps: Wenn nur irgendmöglich: Finger weg vom Kaffee.



























