Vermutlich schönster Tag

Tag 12 – Donnerstag

Zu allererst muss ich sagen, dass ich zwar versuche, ausführlich zu berichten und es herrlich finde, abends den Tag nochmal Revue passieren lassen zu können. Trotzdem vergesse ich hin und wieder auch richtige Highlights.

Entsprechend muss ich Folgendes heut noch nachholen:

Es ist hier üblich, durch Kuhweiden zu laufen, Gatter auf- und zuzumachen oder über Stromlitzen zu klettern. Einmal hab ich auch den Strom kurz abgestellt- als Landei weiß man wie so was geht – aber darauf wollt ich heut gar nicht hinaus.

Wir liefen also gestern wieder durch eine Kuhweide, wo diesmal auch vermehrt Bullen dabei waren, größtenteils kastriert, aber immer noch Bullen. Alex wollte gerade durch die Herde laufen, als einer der älteren Bullen den Jährling auf unserem Weg auf die Hörner nahm, vor uns erste Kämpfe ausfocht und ihn nach ein paar Minuten bockend über die Wiese jadgte. Da ich, glücklicherweise, nicht schnell genug bin, stand ich am Anfang der Wiese und beobachtete das Spektakel in aller Ruhe, während Alex keine 10 m von diesem kleinen Bullen-Fight entfernt stand. Das war schon ein Mix aus spannend und amüsant.

Da wir hier tagtäglich von dem Geräusch der Kuhglocken begleitet werden, egal, ob direkt um uns herum oder in 100ten Metern Entfernung, musste ich diese Geschichte erinnern und feststellen, dass ich sie vergessen hatte, zu erzählen.

Nun aber zurück zu unserem heutigen Tag, der aus meiner Sicht der vermutlich schönste Tag werden könnte.

Angefangen mit einer guten Hütte und ausgiebigen Frühstück, dass sich heut sogar so lang hinzog, dass wir erst gegen 8:45 Uhr aufgebrochen sind. Das war wirklich richtig gemütlich und entspannt.

Das bringt mich zu Punkt 2 der Kriterienliste: unsere Tour sollte heut so kurz sein, dass sich ein späteres Loslaufen erlauben ließ. Etwa 11 km mit einer Zeiteinschätzung von 5 1/2 Stunden ist ja leicht zu wuppen. Wir sind auch mittlerweile deutlich flotter geworden, bergauf zumindest, sodass wir im Schnitt immer 3 km/h schaffen. Das ist mit Rucksack und bergauf und bergab wirklich ganz okay. Die vorgeschlagenen Zeiten des Reiseführers unterbieten wir mittlerweile sogar.

Kriterium Nr 3: es war unglaublich traumhaftes Wetter. Strahlend blauer Himmel, herrliche Temperaturen, leichter Wind, zum Nachmittag nur leichte Wolken. Besser hätten wir es uns nicht wünschen können.

Kriterium Nr4: die Route war heut machbar, bei ca. 770 m hoch und 450 m herunter. Die Route hatte zwar auch ihre Tücken und war dadurch aber abwechslungsreich. Zunächst ging es wieder durch Wiesen der Alm, mit Edelweiß und anderen schönen Blumen und anschließend wieder in leichte Hochlagen, wo es moosig und steinig wird. Die erste Scharte, die Roa-Scharte, brachte mich heut an nervliche Grenzen, weil wir über Schotter liefen und immer direkt am Abgrund entlang. Als ich da durch war, brach kurz die Welt zusammen und ich wollt gar nichts mehr laufen. Das hat mich heut mehr gestresst, denn je und ich kann nicht mal genau sagen, warum. Immerhin gabs diese Situation schon das ein oder andere Mal.

Dann ging es aber noch weiter zur Nives-Scharte, mit Klettersteig, Leiter und Stahlseilen. Ich hatte mich zum Glück nach ein paar Minuten wieder gefangen, sodass ich dort dann fast eine Art Spaß hatte.

Es ist ja ohne Frage, dass Alex das alles irgendwie easy gewuppt hat, bringt mich aber zu Kriterium Nr. 5…

Es war heut wieder ein Tag, den wir auch in holprigen Situationen cool gemeinsam gelöst haben. Alex hat immer wieder wahnsinnig viel Geduld mit mir, zieht mich mit oder bremst mich, wenn ich lospresche, sodass wir gemeinsam immer im guten Tempo alles lösen.

Kriterium Nr. 6: der einzigartige Ausblick, den wir oben, nach all den Strapazen genießen konnten, war unglaublich. Wir konnten fast grenzenlos weit schauen, in die unterschiedlichsten Richtungen, und so viele Berge, so viel Weite sehen.

Kriterium Nr. 7: die Familie der Hütte ist wahnsinnig gastfreundlich, haben uns nett empfangen, es gab leckeres Essen, die Chance, die Kleidung zum fast letzten Mal zu waschen und eine heiße Dusche.

Kriterium Nr. 8: wir konnten in der Sonne auf der angrenzenden Wiese der Hütte ein herrliches Nickerchen am Nachmittag machen.

Kriterium Nr. 9: Zwar haben wir heut auf Kathi und Nicola verzichten müssen, weil die Beiden die Tour krankheitsbedingt nicht machen konnten, Matthieu und Paul haben aber einschließlich des Karten Spielens alles dafür getan, die Mädels adäquat zu ersetzen.

Kriterium Nr. 10: Zwar kneift und drückt es jeden Tag an einer anderen Stelle, doch insgesamt ging das gestern verhältnismäßig gut. Die Knie von uns beiden machen zum Ende hin immer ihre Spirenzchen, aber das war überschaubar heut.

Mal sehen, ob noch ein Tag folgt, der das alles toppen kann. Ich glaub aber, dass das nur schwer möglich sein wird. Ich halte Euch aber natürlich auf dem Laufenden😉

Eure Lotte und Alex

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