Tag 10, Dienstag
Wegen des fehlenden Internetempfangs wird dieser Beitrag etwas zu spät veröffentlicht, der Nächste folgt in Kürze.
Wenn ich heut an das Frühstück im Hotel und die letzten Minuten Olympische Spiele im Fernsehen denke, ist das gefühlt schon wieder eine halbe Ewigkeit her.
So lang wie heut morgen haben wir aber auch noch nie gebraucht. Das lag nicht daran, dass wir heut mehr gemacht haben, als sonst. Vielmehr war es ein Mix aus bereits wieder verlorenen eingespielten Abläufen und dem Wunsch, die bequeme Zivilisation nicht verlassen zu wollen. Ich hab mich sogar bildlich am Frühstückstisch festgehalten. Doch auch das half nichts – es standen heut 1300 Höhenmeter auf knapp 17 km vor uns – fast ausschließlich bergauf.
Die Wolken hingen tief, der Wald dampfte und wir dampften mit. Wir waren bereits nach 30 min durchgeschwitzt und nach 45 Minuten liefen wir bereits durch tiefhängende Wolken. Alles war einfach nur nass.


Warum eigentlich heut so schnell?!

Wir wurden getrieben, von Blutsaugern. Vampiren. Kleine, schwarze Stechmücken in Überzahl. Sie waren überall. Ein Anhalten zum Pflücken von Himbeeren oder Blaubeeren war nur unter weiteren Stechattaken möglich.
Es hatte einen Vorteil. Wir hatten um 12 Uhr, also etwa 3 1/2 Stunden nach Start 1100 Höhenmeter hinter uns und kamen oben an.

Ein kleines Picknick an einer verlassenen Hütte, kurze Pipi-Pause für mich an der Roner Hütte und dann gings auf den letzten Abschnitt.
Um 14:30 war es dann bereits soweit. Wir erreichten unser Ziel. So schnell waren wir wirklich noch nie auf dieser Tour. Für Alex Wünsche eigentlich zu früh. „Wir sind doch zum Laufen hier und was können wir schon auf der Hütt‘n moachen?“

Einen leckeren Kaiserschmarn verputzen und duschen. Sogar ein kleines Mittagsschläfchen war drin.
Das Knie war happy heut: es wurd heut ähnlich einem Kunstwerk mit Kinesio nur so eingepackt und durfte ja nur bergauf. Also alles gut. Heut hat sich zwar zum Ende wieder mehr die Patella des rechten Knies gemeldet, das ist aber kaum der Rede wert.
Zwei Nachrichten nach Hause:
Muddi, bestell schonmal die Wurmkuren. Einige Kühe brauchen hier unsere Aufpeppelung. Ihr glaubt gar nicht, wie viele Wurmkuren ich schon gedanklich verabreicht habe😉
Resi, weißt Du noch, dass wir früher die Theorie hatten, dass Beine nur in der Horizontalen braun werden, weil wir, mit unseren Reiterbeinen immer weiß blieben und die kurzen Hosen auf den Turnieren keinen messbaren Erfolg brachten? Ich kann Dir sagen, in den Bergen klappts auch vertikal. Ich hab eine sogenannte Wanderbräune. Du siehst also den Abdruck der Socken und bei mir – sehr chic – die Abdrücke des Kinesiotapes der letzten Tage.
Doch nun zu unserer Erkenntnis des heutigen Tages, es wurde nämlich ein wenig philosophisch:
Diese Alpenüberquerung ist herunterzubrechen und somit auf alle großen Aufgaben zu adaptieren:
Wir haben uns ein großes Ziel gesetzt. Um dies auch zu schaffen, wird es in kleinere Etappen unterteilt. Die Etappen und somit die ganze Reise bringen jeden Tag, selbst am Tag selbst neue Herausforderungen, aber auch neue Perspektiven mit sich. Manches geht leicht, manches ist schwierig, manchmal gehts in eine Sackgasse und wieder zurück, manchmal muss man einen Umweg in Kauf nehmen. Alles ist okay, solang man denn das Ziel nicht aus den Augen verliert und stetig, Schritt für Schritt, in Richtung Ziel läuft.
Wir sind happy hier auf dem Weg und wollen soweit laufen, wie uns unsere Füsse und Knie bringen. Doch das heißt nicht, dass andere dieses Ziel womöglich für beknackt halten oder erst auf der Reise merken, dass das Ziel nicht sein Ziel ist. Dann ist eine Neujustierung des Ziels notwendig. Wichtig ist hier nur, dass sich jeder die Zeit nimmt, dies hin und wieder zu hinterfragen und nicht einfach hinterherläuft. Jeder muss seinen eigenen Weg, sein eigenes Glück finden und ehrlich mit sich sein. Das kann weh tun und zu Turbulenzen führen, bringt aber meist eine Erleichterung mit sich.
Wir senden nun also Grüsse nach Hause und halten Euch weiter auf dem Laufenden.
Eure Lotte und Alex
