Tag 8 und 9
Tag 8 war durchwachsen, kann ich sagen. Von absoluter Happiness zu heulender Frustration war alles dabei.
Das Pfitscher Joch Haus gehört aus mehreren Gründen zu einer unserer bisherigen Lieblings-Hütten. Zum Einen ist es ein kompletter Familienbetrieb, sie bieten dort aus familiären Gründen Wochenend-Ausflüge für behinderte Kinder an und hatten sowohl eine klasse Küche, als auch großartige Badezimmer. Wir durften also ohne Zeitlimit duschen und anschließend das wahrscheinlich beste Schnitzel und Hirschragout essen.
Morgens wurde noch großzügig gefrühstückt und ich hatte seit Langem mal wieder einen Latte Macchiato aus einer guten Siebträgermaschine. Um Filterkaffee drücke ich mich nämlich erfolgreich.
Dann wurde losgestiefelt – Ziel: Pfunders.
Wieder ganz entspannte ca. 300 Höhenmeter herunter, danach ca. 850 Höhenmeter hoch, um dann wieder ca. 1000 m herunter zu gehen. Achso… knapp 21 km sollte ich noch erwähnen. Manche würden sagen: ein Klacks.
Nachdem ich die letzten Tage beim Aufsteigen an jedem dritten Stein eine kurze Pause machen musste, war heut mein Ziel, möglichst langsam, aber ohne Pause die Berge hinaufzusteigen.
Hoch motiviert stiefelten wir also los und ich war absolut happy. Warum? Ich durfte durch Wälder und Wiesen laufen, sah Blumen, Bienen und Hummeln, die Sonne schien und alles war herrlich. Ich kam die ersten ca. 400 Höhenmeter gut durch, ohne große Pausen und freute mich des Lebens. Alles war gut. Wir waren happy.


Alex war fit und hatte sich top vorbereitet, die Wegbeschreibung gut gelesen, sodass wir nicht, wie anscheinend viele andere Venedig-Wanderer, irgendwelche Irrwege einschlugen.




Aber dann…
Kennt Ihr das, wenn Ihr mit dem Bus zum Urlaubsort fahrt und denkt, dass das Hotel hinter der nächsten Bergkuppe erscheint und dann die große Enttäuschung, wenn es dann doch nicht so ist?
So ging es mir. Wir waren so gut durchgekommen und ich war so happy über mein Durchhalten nach oben, dachte, dass es hinter dem schönen grünen Plateau nach unten geht und was kommt stattdessen? Steine und weitere 400 Höhenmeter. Ihr könnt Euch meine Enttäuschung nicht ansatzweise ausmalen.
Hinzu kam ein zunehmend schlechtes Wetter mit wirklich unangenehmem kalten Wind – von vorn natürlich.
Wie immer – es gibt ja keine andere Wahl. Also hoch, nun aber mit Pausen, bzw. meiner Etappenziel-Taktik. Nach jeder Minute Pause wird ein neuer Stein in erreichbarer Nähe ausgewählt und hochgelaufen. Wenn am Ziel noch Kraft ist, gehts weiter. Wenn nicht, wird wieder ne Minute Pause gemacht.
Nach einer gefühlten Ewigkeit nun endlich oben angekommen. Dort haute uns der Wind fast um. Unglaublich war der Sturm.

Nun ging es ja ENDLICH herunter. Doch Pustekuchen. Meine Begeisterung des Hinablaufens war wie dahin.
Meine Patellasehne des rechten Knies machte ja schon seit ein paar Tagen bei großen Stufen Schwierigkeiten. Nun schmerzte mein linkes Knie, überall. Selbst mit meinem gefährlichen Halbwissen kann ich nicht sagen, woher der Schmerz kommt. Einfach überall. Der Frust stieg in mir auf, schneller, als ich gucken konnte. Die ersten Tränen kullerten, weil ich wirklich keine Ahnung hatte, wie ich damit 1000 Höhenmeter nach unten schaffen sollte.
Also erstmal Zwischenziel: Obere Engbergalm. Dort wurde ich von zwei Wildgänsen angefeindet, aber dann gabs ne Pause und den vermutlich leckersten Ziegenfrischkäse, den wir je gegessen hatten. Selbstgemacht. Ibu hinterher und dann gings weiter hinab. Die erste Zeit ging auch einigermaßen, nur sobald es einen gewissen Winkel unterschritt, ging nichts mehr. Die Stöcke wurden zu Krücken und alles tat nur noch irrsinnig weh. Das war ein langsamer Abstieg. Alex hatte eine unbändige Geduld und ich heulte hin und wieder, vor Schmerz, Ungeduld, Ungewissheit und Frust. Eigentlich war der Weg doch wunderschön und dann das…

Nicht zu vergessen, dass es mittlerweile regnete und gewitterte.

In Pfunders angekommen, saßen wir schnell auf der ersten Bushaltestellenbank. Hotel angerufen, Taxi angerufen und ungeduldig gewartet. Als das Taxi kam, konnt ich das Bein nicht mal mehr beugen.
Also straight ab ins Hotel. Glücklicherweise sollte ja der nächste Tag eh ein Pausentag sein.
Seit der Badewanne am Abend im Zimmer war das Knie wieder ruhiger, Treppen hinablaufen ist aber immer noch keine Wohltat.
Nun sind wir seit 24 Stunden im Hotel, haben schon gut zu Abend gegessen, genießen ganz viel frisches Obst, haben viel geschlafen, unsere Sachen gewaschen, uns bei der Apotheke mit Voltaren in allen Konsistenzen eingedeckt, das Knie gekühlt und bewegt, die Sauna und eine Massage genossen, Olympia geschaut, Nickerchen gemacht und gelesen. Heut Abend wird nochmal gut gegessen und das neuste persönliche Dehnungs-Video von Franzi befolgt und der Inhalt des Rucksacks geprüft und ein wenig aussortiert und nochmal ausgiebig geschlafen. Morgen gehts wieder los. Drücken wir die Daumen, dass mein Knie wieder mitmacht.
Wir schicken also liebe Grüsse aus dem Pustertal,
die wilden Wanderer