Tag 6 ist geschafft und spätestens heut Vormittag kam genau das, was ich schon seit Tagen erwartet habe: meine fluchenden Attacken über bescheuerte, viel zu lange Anstiege. Mal ehrlich: Wer hat auch schon Bock, knapp 900 Höhenmeter am Stück über Stein, Stein und nochmal Stein zu laufen. Ich hab also die ersten Stunden nur geflucht, böse geschaut und war hoch genervt. Dann fuhr auch noch die Gondel über meinem Kopf hinweg, die die leichte Alternativroute dargestellt hätte… stattdessen schnaufe und schwitze ich den Berg hoch. Was ein Mist. Knie tut weh, Füsse tun weh, Hüfte tut weh, alles tut weh.




Gestern noch großkotzig davon gesprochen, dass Runden mit 300 Höhenmetern nur noch als Spaziergang gelten, hätt ich heut auch schwören können, dass ich nach dieser Tour nie wieder einen Berg mit Füssen erleben werde, nur noch mit Skiern und einem entsprechenden Lift.
Alex hat nicht ganz zu unrecht erkannt (mehr Recht kann ich ihm nicht zusprechen), dass die Hürde, einen Berg hochzulaufen, während einem die Annehmlichkeit der Gondel dauerhaft vor Augen geführt wird, doppelt schwer ist. Das ist ja wie Diät machen und währenddessen werden in der Küche reihenweise Kuchen gebacken.
Naja. Nach etlichen Stunden quälenden Aufstiegs hatten wir es endlich geschafft: 2912 m – Friesenbergscharte. Höher wirds nimmer.
Was sehen unsere müden Augen auf den letzten 50 m des Aufstiegs? Einen Mann mit nacktem Oberkörper? Soweit ja nichts besonderes. Aber warte… ist der komplett nackt? Oh ja…
Alex lief dankenswerter Weise vor mir, sodass ich mir nicht die ganze Schlucht anschauen musste, als er sich, mit dem Po zu uns gedreht, zu seinem Rucksack bückte.
Ich war fassungslos, Alex sprach ihn kurz an und formulierte seine Ehrfurcht, nackt hier hochzukraxeln, doch der nackte Mann verstand das gar nicht. Sebastian, einer unserer Weggefährten, sprach mit ihm noch kurz über die fehlenden Schuhe und dann stapfte der nackte Mann hinfort.
Also… ein nackter Mann auf 2900 m Höhe, ohne Schuhe, aber mit Stöcken und Rucksack bewaffnet. Das sieht man nicht alle Tage.

Danach gings bergab, entlang abgesicherter Wege mit Stahlseilen und Kletterstäben im Berg, damit wir nicht die hunderten Meter runterstürzen können. Es ist schon nicht immer ohne, dieser Weg.

Als auch das geschafft war, kam ein schöner schmaler Pfad entlang des Berggipfels, der uns über Wiesen, an Kühen und Murmeltieren vorbei, über Bäche und wieder über einiges an Geröll weiter Richtung Olperer Hütte brachte.


Da ich, wie schon als Kind (Papa kanns von unseren langen Ausritten bezeugen) stundenlang von Essen sprechen kann, wenn sich der Hunger bemerkbar machte, fing also an, über Kaiserschmarn und Kuchen zu philosophieren.
Endlich an der Hütte angekommen, wurde eingecheckt, die Sachen ins Bettenlager gebracht und dann auf der Terrasse in die Sonne gesetzt. Zu Radler und Russ gabs nun endlich einen Kaiserschmarn, den Ersten auf unserer Reise. Eher Eingeatmet als verzehrt, aber der Geschmack war auch besonders gut.

Seit ein paar Tagen begleiten uns immer wieder hoch sportliche junge Mädels. Vielmehr überholen sie uns in der ersten Stunde und kommen 2-3 Stunden vor uns auf den Hütten an. Alle vier unter 30, alle aus der Gegend von Bad Tölz und Bergsteiger/Touren und Klettereien gewöhnt, zeigen uns, wie es hier wirklich geht. Heut Abend gabs also gemeinsames Abendessen und das Philosophieren über unsere Erfahrungen.
Nach einer kurzen Diskussion über den nackten Mann und die Frage, ob ein Sonnenbrand im Schritt möglich sei, dann eine wichtigere Klärung…
Einhellige Meinung: Das Skifahren auf einem abnehmenden Gletscher, im Juli, ist doch wirklich bekloppt. Abends rollen dort die Pistenraupen herüber, die großen Gondeln laufen das ganze Jahr und die 50 Hanseln, die das toll finden und Ski foarn, stehen dort auf den Pisten. Mal ehrlich, wenn unsere Super-Sportler dort mal zwei Wochen Trainingslager machen, sehe ich das ja noch ein. Aber was wollen die Touris aus sonst wo dort oben auf 2 km langen Pisten? Unverständlich.

Dagegen etwas zu tun, wird nicht leicht, aber akzeptieren kann man das doch wirklich nicht.
Nun sind wir geduscht und Bettchen fertig. Es ist ja auch schon 21:15 Uhr.
Das Dehnen wurde am zweiten Tag in Folge geschwänzt – hoffen wir also auf morgen.
Ich führe mit mir noch eine Grundsatzdiskussion zu Ehrgeiz und Vergleichen, dazu aber an einem anderen Tag mehr.
Wir grüssen nun aus dem 8er Zimmer und freuen uns sehr, dass Ihr alle so begeistert mitlest und uns Nachrichten schreibt.
Liebste Grüsse, Lotte und Alex
