Ein emotionaler Kampftag

Was ein turbulenter Tag. So entspannt wie gestern hätts ja auch nicht bleiben können. Wäre ja zu langweilig geworden. Macht Euch also auf einen längeren Bericht gefasst, der sicher emotional noch geladen sein wird.

Erstmal kurz zu den Fakten:

Von Berria nach Galizano, 21,75 km, über 24.700 Schritte. Ich wage mich, dies am vorletzten Tag zu sagen: erstaunlich und vor allem nahezu schmerzfrei!

Was war ich gut drauf heut morgen. Es gab ordentliches Frühstück, die Sonne schien, die Musik trällerte in den Ohren: „It’s a pleasure to meet you“ von Oliver Koletzki und los ging die Reise. Ich habe mich auf dem Weg mit ein paar Artgenossinnen unterhalten: Penelope und Babi, zwei schwarz-weiß gefleckte Kühe standen am Zaun und freuten sich über Besuch. Die Damen hatten wirklich Namen! Die standen auf den Ohrclips!!

Alles war gut.

An einer Kreuzung gab es zwei Optionen des Jakobswegs. Ich stand fragend vor den Schildern, wusste, dass ich hier weder mit dem Handy noch mit meinem kleinen Infoheft zum Jakobsweg weiterkommen könnte. Ein Radfahrer hielt und erklärte mir, dass der eine Weg kürzer sei als der Andere. Bin ja nicht bescheuert, dacht ich mir, und entschied mich für den Kürzeren.

Auf dem weiteren Weg hab ich mir über die unglaublich charmlose Art von Stadtentwicklung und Architektur Gedanken gemacht, wenn in Neubausiedlungen nur noch ein Typ Haus aneinandergereiht wird. Vor allem in einem Land mit so spannenden Architekturbüros. Wie findet man betrunken denn das richtige Haus??

Ich habe mich über Neubauten amüsiert, die die Ornamentik in Hülle und Fülle wiederentdeckt haben.

Ich habe mich über mein Leben am Limit amüsiert, wiedermal ohne Sonnencreme durch die spanische Sonne zu laufen. Wenn das mein lieber Volker wüsste… von meiner Haltung zu Pickeln(der Mann an der Rezeption am ersten Abend), meiner Blasen-Aufstecherei und dann noch meiner Ignoranz und Naivität zu Sonneneinstrahlung… er würde schimpfen. So viel ist sicher.

Es war immer noch alles gut.

Irgendwann gab es wieder eine Abzweigung und auf ca 50m vor mir lief eine Gruppe Pilger, die sich wieder für den linken Weg entschied. Hier hielt ich also an, zückte mein Handy und schaute, wo ich eigentlich gerade war.

Hier konnt ich feststellen, dass ich definitiv den kürzeren Weg ausgewählt habe, der durchs Land führt, statt an der Küste entlang. Damit gings dann los. Die erste Wutwelle überkam mich. Hätte ich doch und, und, und. Ich finde eigentlich nichts abscheulicher als HÄTTE… die Entscheidung ist getroffen, ich werde wohl kaum zurück, um dann anders zu entscheiden.

Irgendwann hab ich mich so darüber geärgert, nicht über diese Entscheidung hinwegzukommen, dass ich aus dem Ärgern nicht mehr rauskam. Also hab ich mich hingesetzt, Stift und Zettel gezückt und mal kurz heruntergebrochen, was eigentlich das Problem ist.

Ich befinde mich auf einem Weg. Es ist völlig wurscht, wo genau der Weg lang läuft, denn es geht ja um meinen Weg. Die Pfeile geben nur eine Richtung vor. Ich befinde mich auf dem Camino del Norte ja auch nur durch höhere Gewalt und sollte doch eigentlich das Ungeplante und Freie geniessen. Der Alltag mit dem Zug um 6:29 von Gleis 14 und den To Do Listen kommt ja wieder. Ganz sicher. Dies ist eine Chance abzuschalten. Die sollte ich nutzen.

Ich musste wirklich mit mir kämpfen, um mich wieder zu beruhigen, den Tag und Weg so hinzunehmen, wie er ist und ihn zu geniessen, anstatt mir über erledigte, nicht zu ändernde Themen Gedanken zu machen. Reflektieren und ggf. draus lernen ist bei Rückblicken zu gemachten Entscheidungen ja okay. Aber sich an HÄTTE aufzuhalten, bringt.. exakt… NICHTS.

Während ich also am Straßenrand saß und meine Gedanken sortierte, kamen einige Pilger vorbei. Martin, Österreicher, hielt und quatschte kurz mit mir. Der erste Eindruck war nett, offen, fröhlich… er lud mich ein, mich dieser Gruppe mit anzuschliessen. Ich schrieb meine Gedanken zu Ende und folgte der Truppe. An der nächsten Abzweigung saßen sie dann. Drei Italiener, zwei davon um die 65-70, einer in meinem Alter, dann Eva, deutsch, erinnerte mich unheimlich an meine liebe Freundin Miri und eben Martin, der Ösi. Nette Runde, dacht ich mir. Also gings weiter. Ich unterhielt mich mit Martin eine Weile. Der Kerl brachte mich nur zunehmend an die Grenzen meiner eigentlich so offenen und manchmal fast zu höflichen, freundlichen, strahlend lachenden Art Menschen gegenüber. Ich war abgestempelt. Meine Geschichte sei vorgeschrieben, so Martin! Sein Bild setzte sich zusammen aus: Hamburg, auch mal HafenCity, jetzt München, Projektentwicklung, verspiegelte Sonnenbrille, nur eine Woche Jakobsweg,… hätt ich ja auch im Schwarzwald laufen können… Zwei Sprüche schoßen ihn dann endgültig vom Platz:

1. Hafencity ist ja so kahl und furchtbar und hätt so nie gebaut werden dürfen – sagt jemand, der in Hamburg nicht mal eine Woche gewohnt hat zu jemandem, der dort zwei Jahre gelebt und es geliebt hat. Die, die mich kennen, wissen, wie fuchsig ich bei Beleidigungen von Dingen werde, die ich mag, ganz gleich, ob Menschen, Stadtteile oder was auch immer…

2. Spruch: „Wie war denn der Mallorca Urlaub dieses Jahr?“ -ich hatte bis dato nicht ein Wort von Mallorca gesprochen. Ich hab erkannt, was los war und die Chance genutzt und direkt auf sein von mir so versnobbtes Püppchen-Bild noch eins drauf gesetzt und ihm erklärt, wie sehr ich mich auf meinen großen Kleiderschrank, meine Wanne und meine Haarkur freue. Danach habe meine langen Beine aktiviert und den Ösi in wenigen Schritten abgehängt. Was ein Spinner. Selten, wirklich selten hat mich ein Mensch so schnell und vor allem nachhaltig wütend gemacht. Ich bin ja eher zu nett und wünschte mir, ich hätt hier und da ein wenig mehr von der „Mittelfinger-Mentalität“, die die ein oder andere Freundin in sich trägt. Die Ladies, die ich meine, werden sich 100%ig angesprochen fühlen.

Wer mich aber so oberflächlich snobbi abtun will, darf das gern tun, nur dann bitte ohne mich.

Und doch hat mich der Kerl, als ich in der Badewanne der Pension lag, anstatt mit 80 anderen in der Herberge zu verbringen😂, mich tatsächlich kurz zum Nachdenken gebracht, ob ich wirklich so eitel, oberflächlich und snobby sei, wie er behauptet. Ich kann aber mit Sicherheit behaupten, dass ich das NICHT bin. Für die Verhältnisse meiner Familie, ganz voran mein Bruder, bin ich eigentlich viel zu uneitel, der bis heute kontrolliert, ob ich saubere Fingernägel habe. Auch oberflächlich und snobby passt nicht zu mir. Ich mag Mode, ich mache mir aber nichts aus teuren Klamotten, teuren Autos, Uhren, besonderen Urlauben oder anderen Statussymbolen. Ich freu mich für all die, die auf so was Bock haben und sich das leisten können, solang das nicht alles ist, woraus das Leben besteht. Aber meins… ist das nicht.

Nun gut. Egal. Der Tag ist abgehakt. Der Typ ist es auch. Ich freu mich über die geschafften Kilometer, dass ich so erstaunlich schmerzfrei durch die Reise gekommen bin, keinen Sonnenbrand habe. Ich freue mich auf Santander morgen und werde mal zusehen, dass ich nachmittags irgendwo den letzten Spieltag der Saison verfolgen kann.

Ich hab mir für Sonntag einen herrlichen Plan gemacht – so viel zum Thema snobby – ich werd mich einen halben Tag in ein Spa legen und mir eine Massage gönnen, ein wenig die Stadt erkunden und dann abends nach Bilbao fahren.

Bis dahin Ihr Lieben,

Eure Lotte

Wann immer du einfache, natürliche Freude empfindest, lebst du, was das Leben von dir will.

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