Entscheidungen sind ein Thema unseres gesamten Lebens. Wir müssen uns ständig entscheiden. Wanne oder Dusche? Tee oder Kaffee? Toast oder Brötchen? Das sind Entscheidungen, die relativ banal sind und fallen uns häufig gar nicht mehr auf. Wir steuern durch die Hürden eines Morgens mit Frühstücksbuffet meist relativ selbstverständlich.

Doch der Tag, das Leben, haben noch ganz andere Entscheidungen für einen vorgesehen.
Meine Entscheidung war vor meiner Reise, dort anzuknüpfen, wo ich 2016 aufgehört habe: in Logrono. Doch nun wurde mir diese Entscheidung sogar abgenommen. Auch so etwas kommt vor. Mein Rucksack ist nicht rechtzeitig aufgetaucht und abgesehen davon, gibt es heut laut der mehr oder weniger gut verstandenen spanischen Internetseite des Busanbieters gar keinen Bus nach Logrono. Also… gehe ich neue Wege und laufe den Camino del Norte. Auch das wird eine Erfahrung. Ich befürchte, dass ich dafür nicht warm genug angezogen bin, aber nun ist das so.
Ich darf Euch aber sagen… so easy lässig wie das hier gerade klingt, ist es dann doch nicht. Gestern sah ich das alles ganz entspannt. Mittlerweile find ich es ein kleines bisschen mühsam, weil ich mich nun noch mehr ins Ungewisse stürze. Ob das so alles richtig ist?! Es hat alles sein Für und Wider. Für die Planänderung spricht der schöne Küstenweg, die Nähe an der Zivilisation, was auch mal ein Hotel bedeuten kann, die Rückreise am Sonntag wird leichter und zu guter Letzt… ich werde als Steinbock direkt gefordert. Wir Steinböcke, ob Ihr es glaubt oder nicht, aber diese Gemeinsamkeit ist bei uns allen zu finden: stehen nicht unbedingt auf Planänderungen und Spontanität. Ich würde behaupten, dass ich mich in den letzten Jahren weiterentwickelt habe und mit solchen Unwegbarkeiten umgehen kann, ganz leicht fällts mir aber hier und da immer noch nicht.
Nun… die Nachteile sind auf diesem Weg vor allem, dass mir der Spirit fehlt. Ich hab auf der Strecke heute drei Pilger gesehen, aber keinen gesprochen. Ich hab ja keinen Wegführer, also auch keine Ahnung, wo Herbergen sind. Es ist auch keine ländliche Strecke, sondern viel städtisches Umland.
Heulen bringt nix. Nun ist es so. In Ulm im Büro bin ich für die Fussballzitate zuständig: „Wäre, wäre, Fahrradkette“ von unserem grossen Lothar Matthäus sagt genau das aus. Attacke nach vorn, mit dem Neuen leben.
By the way: ich gebe den Tipp ab und sage Euch: der HSV schafft es am letzten Spieltag noch auf den Relegationsplatz! Ich hab leider mein Trikot nicht mit für Samstag, glaube aber fest an die letzte glückliche Konstellation! Irgendein Verein muss ja für die Spannung sorgen, wenn schon Bayern und Köln ihre festen Plätze vor Monaten eingenommen haben.
Nun aber zurück zu meinem Tag. Heut morgen gabs nichts außer Warten. Ich habe eine 7Minuten Meditation gemacht, um mich kurz zu beruhigen, gut gefrühstückt, im Tagebuch geschrieben… ich geniesse es jetzt einfach, Zeit zu haben. Die Warterei als Luxus und Geschenk anzusehen, anstatt zunehmend genervt zu werden. Das ist jetzt meine Zeit. Ich habe diese Zeit. Es kommt auf nix an. Es ist egal, wann ich loslaufe, es ist egal wann ich wo ankomme. Nix und niemand wartet auf mich.
Gegen 11:30 konnt ich dann endlich in mein kurzes Under Armour Sportoutfit springen und loslaufen. Quer durch Bilbao hab ich schnell den Camino gefunden.


Kennt Ihr das, wenn ihr beispielsweise shoppen seid und einen gelben Pulli braucht?! Auf einmal seht ihr nichts anderes als gelbe Pullis. So gehts mir hier mit der Beschilderung. Die Pfeile sind klein, aber wenn man einmal den Blick für sie entwickelt hat, sieht man sie überall. Verlaufen ist eigentlich unmöglich.
Heut gings direkt zweimal etwa 250 Höhenmeter steil hoch und wieder herunter. Ich fühlte mich sehr an 2016 erinnert, da ich damals schon immer geschimpft hab, dass ich jeden Morgen Steigungen überwinden musste.
Der Weg war ruhig, teils durch Kuhweiden, teils an Straßen vorbei, relativ entspannt.
Ich stelle fest, dass ich lernfähig bin. Ich laufe relativ ruhig, lass mich von nix und niemandem stressen – ist ja auch keiner da… 😉 ich laufe bergab langsam, statt das Abfallen zu nutzen und Tempo zu kriegen. Ich mach ne Pause wenn ich mag und lass den Gedanken freien Lauf.
Outfit, Rucksack und ich müssen noch zusammenwachsen auf der Reise. Der Schlüpper rutscht, Tanktop und Shirt waren eindeutig zu warm, der Rucksack sitzt noch nicht ideal… müssen uns noch zurechtfinden.
Sorry Männers, für die direkte und unerotische Beschreibung der Unterwäsche, aber hier ist auch nix mit Erotik angesagt. Die Unterwäsche der Ladies ist hier funktional, nicht schick. Und Girls… Nein, die Farben passen ganz und gar nicht zusammen😉
Ich drifte schon wieder ab. Da seht ihr mal, was man alles hinterfragen kann, wenn man Zeit hat.
Ich bin nun heut ca. 12-15 km gelaufen. Genau kann ich es nicht sagen, da meine Apple watch irgendwann keinen Sprit mehr hatte. Für den ersten Tag relativ chillig. Morgen wirds leichter, weil keine Steigungen anstehen, deswegen erwarte ich morgen mehr Kilometer.


Ich bin in einem Vorort von Bilbao, eher das Industriegebiet und hab mich in ein Hotel einquartiert. Hab schon gewaschen, gebadet, geschlafen und sitze jetzt in der Sonne und lasse den Tag ausklingen. Bin ganz froh, dass man, also vor allem, dass ich mich wieder riechen kann😂

Ich bin ja irgendwie Hotel geschädigt. Früher hab ich als kleines Mädchen bei Oma immer Hotel gespielt. Im Studium habe ich ein Hotel geplant, im Studentenjob bei Stephen Williams und Julia Erdmann war ich im Team für ein Hotel und lange für die Elektroplanung zuständig und was mach ich jetzt? Wir bauen in Ulm ein Hotel. Ich kann also kein Hotel mehr betreten, ohne die Zimmer und Fahrstühle auf den Notausgangplänen zu zählen, die Elektroplanung im Zimmer zu analysieren und kritisieren, und und und… geschädigt für den Rest meines Lebens.

Heut Abend gehts früh in die Heia, morgen darf ich mich wieder ans Hotelbuffet stürzen und dann gehts endlich an die Küste.
Letzte Grüsse heut noch:
Michi Jung: Glückwunsch für den tollen Erfolg in Badminton. Es ist nicht der sonst erwartete und übliche Platz, aber der grösste Erfolg ist, dass du mit deinem alten Sam immer noch solche Prüfungen und solche Erfolge feiern kannst. Das geht nur mit richtigem Horsemanship!
An alle Muddis: in Spanien ist heut Muttertag: happy Mothersday. Schön, dass ihr da seid.
Nun noch der Abreisskalender Spruch und dann bin ich weg:
Stell Dir ab jetzt in den letzten fünf Minuten vor dem Einschlafen eine oder alle der folgenden Fragen:
Wofür bin ich heute dankbar?
Wer hat mich heute wie beschenkt?
Was habe ich heute genossen, was nicht selbstverständlich ist?
Dankbarkeit ändert einfach alles.
Wie wahr! Vielleicht der Denkanstoß für morgen.
Ciao, eure Lotte