Tag 6 – es wird schwierig

Diese Reise ist voll von Aufgaben, Überwindungen, Neudefinierungen und Lernprozessen. 

Ich habe mein Hotelzimmer so genossen! Ein Zimmer für mich allein, ein Bad nur für mich, durchgehend warmes Wasser in der Dusche. Ich konnte alles um mich herum hören, hatte das Gefühl, ich säße mit im Bad meines Nachbarn über mir, als er aufm Klöchen war. Doch das alles war völlig egal.  Da setze selbst ich ganz neue Maßstäbe an Luxus. 

Abends hatt ich dann gleich noch eine Überwindung. Ich hatte so sehr das Bettchen, die Ruhe und mein spannendes Buch genossen, dass ich nur noch duschen und ins Bett wollte. Ich musste mir selbst in den Hintern treten und rausgehen. Ich bin ja gern auch faul und Couchpotato, aber vielleicht muss ich mich ab und zu mal raus und los. Allein ists nur deutlich schwieriger als zu zweit. 

Ich war also draussen, in meinen schicken Sportsachen. An der nächsten Straßenecke gab es eine Art Konzert, in den Kneipenstrassen war es so unglaublich voll, dass ich mich kaum bewegen konnte. Leider fingen dann auch wieder die Schmerzen in der Leiste an und ich bin dann doch nach einer kleinen Tour zurück in die Heia.

Heut morgen wollt ich ursprünglich früher los, um das ein oder ander bekannte Gesicht wiederzusehen. Es wurde dann aber doch 9 Uhr, für Pilger ziemlich spät. Egal. 

Bis zum Stadtrand von Logrono lief ich allein und traf dort einen 68 Jahre alten Franzosen namens Jean aus der Normandie. Er ist Richter, sprach doch glatt auch ein wenig englich und war sehr nett. Wir waren die nächsten zwei Stunden gemeinsam unterwegs. Jean läuft seit 20 Jahren den Camino, jeden Tag zwischen 40 und 50 km. Unglaublich. 

Leider tauchten auch ziemlich schnell meine Leistenschmerzen wieder auf. Jeder Schritt war eine Anstrengung und es wurde trotz Medikamente nicht besser. Meine Stimmung wurde zunehmend wie das Wetter: kalt und grau und regnerisch. 


In Ventosa angekommen, habe ich direkt ein Bett in einer Herberge gefunden. Hier werde ich nun übernachten und dann sieht es ganz so aus, dass ich mein Experiment Jakobsweg abbrechen muss. Die Schmerzen bei jedem Schritt sind kaum auszuhalten. Ich quäle mich ja gern über einige Schweinehunde hinweg, aber diese Sehnenentzündung zwingt mich wohl zu einer Zwangspause. 

Ich werde morgen früh schauen, wie es mir geht, habe aber aufgrund des schnell schlechter werdenden Verlaufs keine grosse Hoffnung. 

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