Ich verstehe einfach nicht, warum alle so früh unterwegs sein wollen. Meine Zimmergenossen aus Würzburg sind heute morgen um 5:45 aus dem Zimmer. Ich war dann natürlich auch wach. Wenn die beiden gegen 6:30 unterwegs waren, war noch alles dunkel… Naja… Kann man machen.
Ich mache es jedenfalls nicht. Ich bin gemütlich aufgestanden, habe seit Tagen das erste Mal ausgiebig gefrühstückt und bin gegen 8:30, mal wieder als Letzte losgestiefelt. Für die heute geplanten 19 km und ein paar kleinen Pausen sollte es lässig reichen, um gegen Mittag in Viana anzukommen. Als kleines Abschiedsgeschenk konnte ich eine Bettwanze auf meinem Kissen entdecken und umbringen. Ich darf mich also auf Stiche gefasst machen.
Mein spätes Aufstehen hat einen kleinen Nachteil – meine nette Gruppe aus Australien und dem alten John sind schon weg und nur schwer einzuholen.
Als wolle mich der Heilige Jakob ärgern, geht es immer zur Begrüssung am Morgen einen Hügel hoch. Danach kann ich mir die zwei Pullover auch direkt ausziehen. Leider ist es hier nachts so frisch, dass ich morgens noch friere, wenn ich loslaufe. Das ändert sich aber entsprechend schnell.

Danach lief ich mich ganz gut ein, die Schmerzen sind gut erträglich. Die Natur ist wirklich besonders schön und das klare Wetter ermöglicht einen kilometerweiten Blick.


Zum Ende der Strecke wurde es dann doch ganz schön anstrengend. Selbst das Bergab Laufen bei über 10% Gefälle ist anstrengend. Ich fluche bei jedem Abwärts aber eher, weil ich alles auch wieder hochlaufen muss. Es wäre ja auch zu leicht, wenn der Weg einfach auf der erarbeiteten Höhe bliebe. Es geht lieber einmal ordentlich runter und dann wieder hoch.
Ich war dann gut platt, als ich an der ersten Herberge in Viana ankam: Ein schickes 8er-Zimmer und ein gegenüberliegendes Gemeinschaftsbad mit Duschen. Der Mix aus Stinki-Klo und Chlorgeruch ist ganz besonders romantisch. Hier habe ich mir spätestens geschworen, morgen in Lorogno ein Einzelzimmer zu finden, mit eigenem Bad. Ich brauche von diesen Massen im Zimmer und Bad mal eine Pause.
Grundsätzlich kann ich sagen, dass dieser ganze Trip eine effektive Art des sogenannten Downsizing ist. Ansprüche auf schicke, saubere Kleidung verschwinden sofort, wenn man alles auf dem Rücken tragen muss. Zeit und Platz für Schminke ist auch nicht. Jede Art von Eitelkeit wird hier abgelegt und alles für den Effekt getan. Wenn sich also die Füsse in Socken in Wandersandalen am besten anfühlen – dann ist das die beste Wahl.
Ich muss allerdings noch weiter Gelassenheit lernen. Ich habe manchmal keine Lust mich einfach in die Sonne auf ein Stoppelfeld zu legen und zu chillen, weil mich alle wieder einholen, die ich mühsam überholt habe. Ich kann auch den Ehrgeiz noch nicht restlos abstellen, alle einzuholen, die in direkter Entfernung sind. Das Wettrennen um Betten ist leider doch vorhanden, auch Mitte September noch. Das motiviert ebenfalls.
Viele reservieren vor, um sicher ein Bett zu finden, doch das nimmt mir das letzte bisschen Spontanität, dass ich auf dieser Reise habe. Es würde mich aber gelassener durch den Tag laufen lassen. Denn… Was soll ich um kurz nach 13 Uhr in einer kleinen spanischen Stadt mit 2000 Einwohnern und meinem Hostel? Hätte ich doch mehr die Natur genossen.
Nun habe ich ausgiebig zu Mittag gegessen und fühle mich jetzt wohl, bin aber gut müde. Heut abend werde ich noch kurz in die Altstadt laufen und dann ruckzuck in die Heia.
Morgen stehen nur 10 km und dann einen halben Tag Pause in Logrono und in einem Einzelzimmer.
Liebe Grüsse,
eure Lotte
