Tag 2 – eine reine Qual

Die Nacht war wirklich durchwachsen. 30 Leute mit stinkenden Schuhen in einem Kellerraum ohne Fenster – das löste selbst bei mir ein Gefühl von Erstickung aus. Die Müdigkeit und die tollen Ohrstöpsel siegten aber schnell, sodass ich zumindest bis 6 Uhr einigermaßen schlafen konnte. 

Der nächste Morgen ging, wie zu erwarten, mit einigen Kopfschmerzen los. Die muffige Luft hat mich dazu getrieben, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. 

Um etwa 8 Uhr nach einem trockenen Brötchen vom Vortag als Stärkung ging es dann los. Keine 5 Minuten gelaufen und direkt noch ein leckeres Schokocroissant für mich entdeckt. 


Doch auch die Schokolade hat nicht über die Schmerzen hinweghelfen können. Anderen tun Knie und Füsse weh, mir die Hüfte. Das Gewicht des Rucksacks den ganzen Tag auf dem Rücken zu spüren, ist eine richtige Tortur. Als würde das nicht genügen, ging es um eine Ecke und dann durchgehend steil bergauf. Da konnte ich  mich nach vorn legen und hoffen, dass das Gewicht mich hochbringt und ich einen Schritt vor den anderen mache… Keine Chance. Ich musste den Antrieb finden. Selbst die Fahrradfahrer aus Brasilien haben alle geschoben. Bei dem Hang wurde mir trotz vielem Trinkens auch das erste Mal schwindelig. 


Danach lief es besser, aber die Schmerzen liessen nicht nach. Das ist bei über 22 km Tagespensum frustrierend und demotivierend. So ging es mir auch. Ich machte viele Pausen, doch jede Pause machte das Losgehen nur noch schwieriger. 


Irgendwann traf ich zwei Amerikaner. Das Reden über Fussball, Football, Baseball und Basketball und vor allem die anstehende Präsidentschaftswahl halfen, die Schmerzen zu ignorieren und weiterzulaufen. 

Nun bin ich in Estella in einer Herberge in einem Vierer-Zimmer. Mal sehen, wie das klappt heute Nacht. 

Besonders inspirierend ist der tolle Umgang unter den Pilgern. Alle wollen sofort miteinander teilen, jeder sagt Hallo und Buen Camino und man kommt sofort ins Gespräch. Gestern war ein Koreaner und ein Italiener gemeinsam unterwegs. Sie hatten keine gemeinsame Sprache und haben doch miteinander Spass gehabt und gesungen. Heute wurde ich von einem aufgedrehten Malloquiner zum gemeinsamen Kochen eingeladen. Alle reden miteinander, essen miteinander und teilen ihre Geschichten. Das ist die größte Freude an dieser Reise: das Miteinander, das gemeinsame Leiden und Freuen über jede geschaffte Etappe. 

Das Wetter ist umgeschlagen. Es gab am Nachmittag schon einige Gewitter und morgen soll es regnen. Die Temperaturen sind ebenfalls deutlich gesunken. 

Morgen soll es wieder 20 km weiter nach Los Arcos gehen. Dort habe ich mir sicherheitshalber schon ein Bett reserviert. 

Kleine Beobachtungen des Tages:

Den Jakobsweg laufen wirklich Leute allen Alters. Ein Junge kommt gerade aus der Highschool, ist also 18, drei alte Männer aus Belfast sind etwa 70, ein Spanier, der mit mir heute mein noch gebrochenes Spanisch sprach, ist auch Mitte 60. Wer sich fit fühlt, kann laufen. Für die nicht so „Fitten“ gibt es einen Gepäckservice, sodass der Tag nicht so anstrengend ist. 

Es gibt ein Pärchen, dass ich immer mal wieder treffe und jedes Mal sind sie Händchen haltend unterwegs. Bergauf. Bergab. Sie lassen nicht los. Kann man machen…

Der wilde Malloquiner läuft mit 4€ teuren Crocs den Camino! Unglaublich! Mein Rücken würde mich umbringen. 

Ich werde jetzt noch ein paar Dehnungen machen. 

Bis morgen. 

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